Alpenüberquerung
Wien - Nizza

5. Etappe: Losenheim über Wachhüttelkammsteig – Ottohaus

Gleich vorab. Heute gibt es leider nur ganz wenig Bilder, weil die Bedingungen zum Fotografieren heute einfach nicht gut gegeben waren, durch das Wetter und Ausrüstung. Mehr dazu dann im Laufe des Textes. 

Die Nacht verlief relativ ruhig und ich habe bis 6.00 Uhr geschlafen. Ich musste mir trotzdem die Ohrenstöpsel reinmachen, da der Kühlschrank und die Heizung im Zimmer ganz schön vor sich hin gebrummt haben. Mal was anderes als das tägliche Jalousie hoch- und runterfahren und Telefonate ab 23 Uhr der Nachbarn. Aber mit den Ohrstöpseln ging es problemlos. Nach dem Aufstehen ging es direkt los mit packen und roimen. 

Also früher war das immer in max. 15 Minuten erledigt. Keine Ahnung warum ich aktuell so ewig brauche, gefühlt fast eine Stunde. Ich denke, die Routine kommt bald wieder und morgens geht es wieder zügiger. Ich habe hin und her überlegt, wie laufe ich los, da das Wetter heute wieder geprägt war von Regen und Wind von Anfang bis Ende. Schon als ich die Tür aufgemacht und rausgeschaut hatte, hätte ich die Tür am liebsten gar nicht mehr aufgemacht heute. Aber es nützt halt alles nix. Nach dem Packen habe ich reichlich gefrühstückt und dann ging es kurz nach 8.00 Uhr los.

Kleiderwahl heute? Wie am Mittwoch bei Etappe 3. Doch heute kein Schirm und dafür die Wanderstöcke, da das Gelände deutlich steiler ist und ich mir das Leben nicht schwer machen wollte und bei dem Wind teilweise, wäre der Schirm sicherlich auch an seine Grenze gestoßen.

Und damit es die Sache auch gleich zu Beginn abrundet: 35% Anstieg zur Edelweißhütte, damit der Körper gleich weiß, woran er heute ist. Der Mist war halt nur, dass ich in den Regensachen dann auch gleich angeschwitzt habe und als ich oben war und der Wind dort über den Hang geblasen hatte, war es dann schon richtig kalt und ich war kurz davor meinen Midlayer anzuziehen. Aber ich bin dann glücklicherweise in den Wald abgebogen bzw. zur Wind abgewandten Seite des Berges. Da es doch schon kühler war und ich keine kalten Hände haben wollte, hab ich meine Neoprenhandschuhe und Regencover für die Handschuhe angezogen und das hat echt super funktioniert. Meine Hände waren warm und trocken. Nach der Edelweißhütte ging es ganz gemächlich bergauf und dann relativ steil bergab zum Weichtalhaus, wo dann der 2. “Anstieg” wartete. Es waren normale, alpine Wanderwege, mal steil, mal eben, mal schmal, mal breit, mal steinig, mal Wurzeln durchsetzt oder normaler Waldboden. An sich jetzt nicht technisch anspruchsvoll, aber ich wählte meine Schritte und Tritte mit Bedacht, damit ich nicht den “Köpper” vom Hang hinunter mache.

Als ich unten an der Kehre auf der Straße ankam, der erste kleine Schock. Die Connect IQ App von Garmin hat sich auf der Uhr aufgehängt. Gerade dort wo fast kein Empfang war. Ich hab die Tour neugestartet. Kurz später. Wieder abgestürzt. “Come onnn!” Das Problem kannte ich vom letzten Jahr bei der letzten Etappe nach Riva zum Gardasee runter. Daran erinnert, wusste ich aber, was zu tun ist. Uhr und Handyapp neustarten. Zum Glück konnte ich noch ein Stück Internet aus der Luft saugen und meine Komoot Tour auf der Uhr wieder zum Laufen bringen. Es wäre tatsächlich aber auch ohne Navi gegangen, da das Ottohaus am nächsten Wegweiser bereits mit 3h ausgeschildert war. Die App hat dann bis zum Schluss durchgehalten zum Glück, damit man weiß, wie weit es denn noch ist.

So Freunde, und da wo der Wegweiser war, war ein kleiner aber feiner Satz noch darunter platziert. “NUR FÜR GEÜBTE!” Ab da wusste ich, gleich geht’s rund. Klettersteig (mehr Infos hier) und Regen. Jawohl – genau was ich jetzt noch wollte. Ich habe mir gesagt, ich gehe soweit es geht und der Rückweg stets auch problemlos machbar ist, falls ich an eine Stelle komme, wo Risiko und Nutzen nicht mehr im Gleichgewicht waren. Ich wäre umgekehrt und wieder zur Straße und dann irgendwie zum nächsten Dorf oder so und notfalls mit der Bahn hoch.

Der Weg an sich war steil und auf jeden Fall Absturzgelände, wenn man nicht aufpasst. Die Stöcke habe ich weggepackt und die Raincover für die Handschuhe auch. Ein Klettersteigset hatte ich nicht dabei. “Passt scho’!” Ohne es relativieren oder falsch einordnen zu wollen, aber der Weg war eine Mischung aus Dopplersteig (1. Etappe Salzburg – Triest mit vielen Metallleitern und Treppen) und Wanderwegen in Slowenien am Triglav. Behutsam und vorsichtig habe ich mich den Wachhüttelkammsteig hochgearbeitet, bis der Weg zu einem normalen aufsteigenden Bergwaldwanderweg sich wandelte. Aber der Klettersteig war trotzdem größtenteils mit Drahtseilen, Steighilfen und Geländern gut abgesichert. Nach dem Steig konnte ich die Stöcke wieder verwenden und mir das Leben etwas leichter machen. 

Aber ich habe schon gemerkt, dass der Steig ganz schön Körner gekostet hat und die letzten 3-4 Kilometer sich als ein zähes Stück Kaugummi ziehte. Ich hab auch gemerkt, dass ich “leergelaufen” bin und habe mir einen Proteinriegel gönnt, mit all seinen Nebenwirkungen. (Paddy weiß, wovon ich rede 😀).

Zum Glück bin ich sehr leidensfähig, da es jetzt eine Mischung war aus Kälte, Erschöpfung, Hunger und dem unbedingten Willen anzukommen. Gedanklich waren die “Plaketten” gezogen, auch wenn ich sie nicht dabei habe. Aber die setzen immer nochmal das gewisse Etwas frei, wenn es zäh und unbequem ist und man DEN gewissen Motivationsschub braucht ala “John Ronny”.

Höhenmeter technisch war heute der höchste Punkt, das Ottohaus auf ca. 1640 m und am tiefsten Punkt ca. 560 m. Am Almgatterl habe ich heute die 100 km Marke geknackt. Eigentlich wollte ich die Zahl mit Steinen legen und fotografieren, aber das Wetter war einfach zu bescheiden. Jetzt sind es noch knapp 1700 km bis Nizza. Eigentlich fast da, würde ich behaupten. 😀

Dann in der Ferne 400m, endlich das Ottohaus zu sehen gegen 14.30 Uhr. Knapp die Zielzeit der Etappe erreicht. Erstmal warm geduscht zum Aufwärmen, nasses Zeug aufgehängt und abgetrocknet und dann erstmal in die Gaststube und einen Kaiserschmarrn + Kaffe geschlemmt. Zugegeben für den Preis von 14.30 € für den Kaiserschmarrn hatte ich schon deutlich bessere. Aber egal. Glücklich war ich trotzdem. 

In der Zeit ist der Regen nun auch verschwunden und man konnte bissl in die Ferne schauen, auch wenn noch viel grau zu sehen war. Mein Zimmer habe ich bezogen und zum Trockenraum umfunktioniert. Ein Zweibettzimmer und hoffentlich kann ich alleine dort bleiben. 18.30 Uhr gabs dann Abendbrot mit Hähnchengeschnetzelts und Gnoccois, noch bissl Stretching, Nachrichten beantworten, Wetter checken, Tour für morgen prüfen (was nochmal eine Schippe zu heute ordentlich drauflegt). Eine leichtere Variante habe ich mir aber zurecht gelegt, falls ich es morgen „nicht fühlen“ sollte. Aber wenn das Wetter schöner ist, läuft es auch bissl besser und man kann besser performen. Ich bin gespannt.

Ich habe mir überlegt, was ist am jeweiligen Tag mein absolut positives Highlight, um den Tag in Gänze noch einmal zu reflektieren. 

Heutiges Highlight:

Größtenteils in der Wind abgewandten Seite gelaufen zu sein.

kleines Update: Jetzt um 20.30 Uhr sieht man sogar noch einmal die Sonne.