
Der Morgen begann heute tatsächlich schon um 5.30 Uhr auf dem Campingplatz. Um mich herum: nichts. Im Umkreis von 20 Metern kein weiteres Zelt, keine schnarchende Nachbarschaft, kein nächtliches Rascheln fremder Isomatten. Nur ich, mein Zelt und diese besondere Stille, die man morgens nur draußen findet. Die Sonne illerte schon vorsichtig durch die Bäume auf mein Zelt, als wollte sie sagen: „Na, heute wird’s besser als gestern.“
Und das war auch nötig. Denn nachdem es gestern gefühlt durchgehend geregnet hatte, war die Wiese natürlich schön nass. Was Kondensation betrifft, hätte mein Zelt locker jeder Schwimmhalle Konkurrenz gemacht. Außen nass, innen nass, Quilt an der Oberfläche voller Wassertropfen. Es fehlte eigentlich nur noch ein Bademeister mit Trillerpfeife.
Zum Glück hatte ich damit gerechnet und alles brav in den wasserdichten Rucksack gepackt. Raincover noch drüber, zur Sicherheit. Wenigstens einmal alles richtig gemacht. Muss man ja auch mal erwähnen, wenn es passiert.
Die Nacht selbst war erstaunlich okay. Ich war erholt, ging erstmal ins Bad und nahm mir dort noch einen Lappen vom Wischmopp mit, um das Zelt abzuwischen. Improvisation ist schließlich, wenn Abenteuer plötzlich Haushalt wird.
In der Zwischenzeit kam die Sonne immer weiter rum, also breitete ich Isomatte und Quilt zum Trocknen aus. Bei dem Spitzenwetter ging das auch ganz gut. Immer wieder wenden, wie so ein Broiler auf Wanderschaft. Das Zelt trocknete ich am Ende noch mit dem Handtuch ab. Das ging mit dem Zpacks-Zelt erstaunlich gut, weil das Material eher wie eine Plane ist. Bei einem normalen Nylon-Zelt hätte ich vermutlich noch bis Weihnachten gewartet, bis da irgendwas trocken gewesen wäre.
Da ich das alles zum ersten Mal so machte, dauerte es natürlich. Aber vielleicht sollte genau das ein kleiner Wink des Schicksals sein.
Ich saß noch in meinem Zelt und roimte herum — des Roimens wegen, wie man das halt so macht — als mich aus kleiner Entfernung jemand ansprach. Ein älterer Herr kam auf mein Zelt zu, und wir kamen ins Gespräch. Wo ich herkomme, was ich hier mache, wo es hingeht. Und da konnte ich voller Stolz von meinem Projekt erzählen.
Er hörte interessiert zu, konnte kaum glauben, was ich da vorhabe, und wollte ganz genau wissen, wo meine heutige Etappe entlangführt und wie es danach weitergeht. Wir standen da also zwischen nassem Gras, Zeltplane und Wanderschuhen, und plötzlich war dieser Morgen nicht mehr nur ein logistisches Trockenprogramm, sondern eine Begegnung.
Nach einer Weile verabschiedeten wir uns, und ich räumte weiter meinen Rucksack zusammen. Vielleicht zehn Minuten später kam der Herr wieder und fragte mich, ob ich denn schon gefrühstückt hätte. Hatte ich natürlich noch nicht. Und dann lud er mich zu Kaffee und Frühstück zu sich ein.
Auf dem PCT nennt man so etwas „Trail Magic“ oder „Trail Angels“. Und genau so fühlte es sich auch an. Wie ein kleines Wunder am Wegesrand. Denn mein ursprünglicher Frühstücksplan bestand aus Müsli mit Wasser und einer Dose Kidneybohnen von gestern. Kulinarisch also irgendwo zwischen „Hauptsache es stopft“ und „Der Körper wird schon wissen, was er damit anfangen soll“. Ich war gestern beim Abendbrot wohl so sehr im Rausch gewesen, dass ich das Frühstück strategisch eher semi gut aufgestellt hatte.
Der ältere Herr wohnte gleich um die Ecke vom Campingplatz. Nach dem finalen Packen machte ich mich auf den Weg zu ihm. Als ich vor dem Grundstück ankam, winkte er schon von der Terrasse. Und dann saß ich dort plötzlich bei leckerem Aufschnitt, Brot, Kaffee und Wasser. Ein richtiges Frühstück.
Wir unterhielten uns weiter über meine Tour, über Wege, Berge, Pläne und das Leben. Dann stellten wir uns auch noch einmal richtig vor: Hans war heute mein Wohltäter. Mein Trail Angel von Neusiedl. Einer dieser Menschen, die man völlig unerwartet trifft und die einem noch lange im Gedächtnis bleiben.
Irgendwann musste ich dann aber doch langsam los. Wir tauschten noch Kontakte aus, verabschiedeten uns, und gegen 10 Uhr ging es schließlich auf die Strecke. Vielen lieben Dank, lieber Hans, für deine Einladung! Das hat mir echt den Tag versüßt. 😀
Das Wetter war spitze. Sonnig, ein paar Wolken, leichter Wind. Genau so, dass man nicht sofort komplett zerläuft — zumindest theoretisch. Zu Beginn war alles ganz entspannt. Ein leichter Aufstieg, der den Ruhepuls kaum beeindruckte. Ich dachte schon: „Na, das wird ja heute richtig gemütlich.“
Dann zweigte der Weg ab.
Auf eine Wiese.
Wieder eine Wiese.
Hüfthoch, wild, unübersichtlich. Wieder eine Wiese, das Spiel ist ja nicht neu, denn der Wiesezecke bleib ich treu (wie schon von Etappe 2). Also ging ich erstmal ein Stück weiter dorthin, wo gemäht war und man halbwegs bedenkenlos absteigen konnte. Nach dieser Wiese tauchte allerdings direkt die nächste auf. Und ich dachte mir: „Ach, scheiß drauf. Passt schon.“
Ein Scheiß hat gepasst.
Nach der Wiese warf ich einen Blick auf mein Connewitz der Beine. Zum Glück fand ich nur eine Zecke. Aber da hatte ich dann endgültig die Faxen dicke. Zipperbeine dran, fertig. Modisch vielleicht diskutabel und so heiss, aber mental absolut notwendig.
Und wie sich herausstellte, war das auch keine schlechte Entscheidung. Es kamen noch ein paar Wiesen und hohe Gräser, und ich war froh, dass die Beine geschützt waren. Weniger Sonne, weniger Dreck in den Stiefeln, weniger Drama. Und das alles war gerade mal gegen 10.30 Uhr. Der Tag hatte also direkt wieder Humor bewiesen.
Danach normalisierte sich der Weg zum Glück. Ich wanderte weiter, Schritt für Schritt, und der Anstieg wurde zunehmend knackiger. Aber alles noch im Rahmen. Heute ging es erstmals auf über 1000 Höhenmeter, und man merkte langsam: Jetzt kommt alpine Luft ins Spiel. Die Berge warfen ihre Schatten voraus — im schönsten Sinne.
Irgendwann erreichte ich die Gauermannhütte auf 1155 Metern und kehrte auf ein Spezi ein. Ein Spezi auf einer Hütte hat ja grundsätzlich heilende Wirkung. Es ist quasi die Wander-Version einer kleinen Wiedergeburt. Kurz sitzen, trinken, durchatmen, Beine sortieren, Seele nachkommen lassen.
Das steile Stück bis zur Hütte war damit geschafft. Danach ging es relativ eben oben am Kamm weiter. Durch die Bäume war man größtenteils vor der Sonne geschützt, und an den ausgesetzten Stellen öffneten sich immer wieder diese wunderbaren Blicke in die Ferne. Ein richtig schöner Weg. Da hatte Hans wirklich nicht zu viel versprochen. Er hatte mir den Trail am Morgen schon sehr schmackhaft gemacht — und heute hielt der Weg, was Hans versprochen hatte.
Solche Abschnitte sind genau der Grund, warum man losgeht. Nicht, weil immer alles einfach ist. Nicht, weil morgens alles trocken ist. Nicht, weil jede Wiese freundlich gesinnt ist. Sondern weil man nach all dem plötzlich oben steht, in die Ferne schaut und spürt: Es lohnt sich. Jeder nasse Quilt, jede Zecke, jede Bohnen-Frühstücks-Nahtoderfahrung.
Der Abstieg nach Losenheim war dann relativ entspannt und unspektakulär. Keine besonderen Vorkommnisse — was bei mir ja inzwischen fast schon eine Schlagzeile wert ist. Dafür gab es immer wieder tolle Ausblicke auf die Berge, in die es mich in den nächsten Tagen führen wird. Und während ich da hinunterlief, war da diese Mischung aus Müdigkeit, Vorfreude und Dankbarkeit.
An meiner Unterkunft, dem Gschaiderhof, angekommen, wurde ich herzlich von der Dame des Hauses empfangen. Der Check-in war einfach und unkompliziert, das Zimmer schnell besichtigt. Dann erstmal auspacken, duschen und natürlich Zeckenkontrolle. Man lernt ja dazu. Zumindest manchmal.
Als alles erledigt war, stieg ich noch einmal zur Pizzeria ab und gönnte mir ordentlich etwas, denn außer dem Frühstück bei Hans hatte ich den ganzen Tag nichts gegessen. Spaghetti Carbonara, gemischter Salat und ein alkoholfreies Bier. In dem Moment war das kein Abendessen, das war ein Festbankett.
Danach ging es die zehn Minuten wieder hinauf zur Unterkunft. Und dann war Feierabend. Beine hoch, Kopf runterfahren, den Tag noch einmal innerlich durchlaufen lassen. In der Zeit brachte mir noch die Dame des Hauses mein Frühstück für morgen, da hier erst ab 8 Uhr etwas zu essen gibt. Da haben wir uns so geeignet, da ich auch einen kleinen Kühlschrank habe zum lagern. So kann ich morgen beizeiten starten, ohne auf jemanden warten zu müssen.
Heute war eine Etappe mit nassem Start, trocknendem Equipment, hoher Wiese, einer Zecke, vielen Höhenmetern, großartigen Ausblicken und vor allem einer Begegnung, die bleibt. Hans hat mir nicht nur Frühstück geschenkt, sondern auch diesen kleinen menschlichen Zauber, der unterwegs manchmal genau dann auftaucht, wenn man ihn gar nicht erwartet.
Und vielleicht ist genau das Wandern: Man plant Wege, Etappen, Höhenmeter und Unterkünfte. Aber die wirklich schönen Dinge passieren oft dazwischen.
Gute Nacht aus Losenheim.









































