Alpenüberquerung
Wien - Nizza

2. Etappe: Sulz – Peilsteinhaus – Weissenbach

(oder: Die Kunst, langsam zu sein – und trotzdem flott anzukommen.) Die Nacht war insgesamt richtig okay – nur leider war sie für meinen Körper offenbar um 05:30 Uhr schon vorbei. Ich glaube, mein Inneres hat sich gedacht: „Genug geruht, Peer. Der Trail wartet.“ Und da lag ich dann, wach, während draußen noch alles so tat, als wäre es mitten in der Nacht. Aber gut – wenn der Kopf schon wandern will, hilft auch kein Kuscheln mit dem Kopfkissen.

Um 7:30 Uhr wartete dann wieder dieses herrliche Frühstück in der Lindenhof Pension. Und ich muss es sagen: So wird man verwöhnt, bevor man wieder in den Wald verschwindet. Es gab einen Mix aus Kernen, Hafer, Datteln und Früchten – eine Spezialität des Hauses und wirklich absolut köstlich. Ich hab mir das extra als Dessert aufgehoben, weil ich sonst direkt nach dem ersten Löffel gesagt hätte: „So, Etappe erledigt, ich bleibe hier.“ Also erst ganz vernünftig: zwei Brötchen, ein Ei – und dann genüsslich das süße Finale. Mehr als satt. Mehr als glücklich.

Während des Frühstücks habe ich mich noch ein bisschen mit der Dame des Hauses unterhalten – und dabei erfahren, dass die Pension im September schließen wird, altersbedingt. Das hat mich ehrlicherweise kurz getroffen. Man merkt erst in solchen Momenten, wie besonders diese kleinen Orte sind. Nicht nur „eine Unterkunft“, sondern ein Stück Wärme am Weg. Ich war dankbar, genau jetzt dort gewesen zu sein.

Start im Sonnenschein – und der Vorsatz, es entspannt anzugehen.

Der Start heute war wie bestellt: Sonnenschein, ein leichter Wind, angenehm temperiert. Und weil die Etappe mit rund 23–24 km deutlich kürzer war als gestern, wollte ich es bewusst entspannter angehen. Gestern waren’s knapp 33 km, zügig, trotz Pause und Extraweg – heute hatte ich keine Lust, schon um 14 Uhr anzukommen und dann dort rumzuhängen und nichts zu tun zu haben.

Also los, ganz gemütlich.

Zuerst ging es ein Stück durch den Wald und über wunderschön nässliche Wiesen. Wunderschön fürs Auge – weniger fürs Gefühl in Schuhen und Hose. Die „Schwämme am Körper“ haben heute jedenfalls ganze Arbeit geleistet. Schuhe nass, Hose nass – Lektion des Tages:Wenn ich VOR einer nassen Wiese stehe: Regenhose und Gamaschen an. Punkt.

Die anschließende Zeckenkontrolle war dann… äh… aufschlussreich. 2–3 Blutsauger wollten offenbar auch ein Stück vom Abenteuer. Nein danke. Weiter ging’s nach Heiligenkreuz und von dort Richtung Peilsteinhaus.

Leichter Rucksack, leichtes Herz (und Schweiß wie ein Wasserfall).

Auf dem Weg kamen die ersten moderaten Anstiege – und das war wirklich spannend: Sie waren… fast schon angenehm. Zumindest im Vergleich zu früher. Ich merke extrem, dass ich dieses Mal 8–9 kg weniger im Rucksack habe als in den letzten Jahren. Das ist nicht nur „ein bisschen leichter“ – das ist eine komplett andere Welt. Ich fühl mich am Berg fast wie „MCY Nicolai“. 😄

Klar, ich schwitze trotzdem wie ein Wasserfall. Aber: Ich fühle mich nicht müde. Eher wie ein gut geölter Trabbi, der einfach vor sich hin tuckert. Unterwegs war erstaunlich wenig los. Kaum Leute. Erst kurz vorm Peilsteinhaus kam ich mit einem Tagesausflügler aus Wien kurz ins Gespräch. Und da kam wieder dieses typische Fernwanderer-Phänomen: Man erzählt am Tag ungefähr 1–2 Mal dieselbe Geschichte. Woher, wohin, wie lange, warum. Aber ganz ehrlich: Ich erzähle gern davon. Weil ich es selbst immer noch kaum glauben kann. Am Peilsteinhaus habe ich eine kleine Pause gemacht – und dann ging’s gemütlich weiter Richtung Weissenbach.

Sperrung, Umgehung – und ein Anruf von der Bruthenne

Auf dem Weg gab es eine kleine Wegsperrung, aber ausnahmsweise mal richtig gut gelöst: Direkt am Schild war die Umgehung auf einer Karte skizziert. Kein großes Rumgeeiere, kein Fluchen, kein „Komoot sagt links, Schild sagt rechts, ich sag gar nix mehr“. Einfach: zack, umgeleitet. Und während ich noch so durch den Wald schlendere, klingelt das Telefon: Die Unterkunft – der Gasthof zur Bruthenne – fragt, wann ich ungefähr ankommen werde. Zu dem Zeitpunkt: noch knapp eine Stunde. Ich liebe solche Momente, weil sie so real sind. Man ist mitten im Wald, und gleichzeitig wartet am Ende des Tages schon jemand auf dich. Das fühlt sich irgendwie geborgen an.

Ankommen wie ein Profi (mit Schuhtausch und Zecken-Alarm)

Als ich ankam, habe ich direkt die Schuhe gewechselt, damit ich nicht den halben Wald in den Gasthof trage. Während ich noch damit beschäftigt war, ging die Tür auf, die Dame des Hauses war da – Check-in erledigt, ganz unkompliziert.Dann: Zimmer, Dusche – und nochmal eine detaillierte Zeckenkontrolle, denn ich bin heute wirklich über hüfthohe Wiesen gelaufen. Danach: Klamotten durchwaschen, ein bisschen Stretching, Beinmassage – ganz klassisches „Ich tue so, als wäre ich ein Profi“-Programm bis zum Abendbrot um 18 Uhr.

Und jetzt kommt das Lustige: Obwohl ich heute gefühlt übelst getrödelt habe, waren die knapp 24 km trotzdem in etwa 6:15 Stunden erledigt. Ich glaube, ich muss in naher Zukunft meine Etappen nochmal anpassen – nicht weil es zu schwer ist, sondern weil ich sonst zu viel Zeit habe, um in Unterkünften langsam sinnlos Zeit zu verdampern.

Noie Gedanken im Wald: Punkfrisur oder Fleischmütze?

Das Schöne an so einer zweiten Etappe ist: Der Kopf wird ruhig. Schritte werden gleichmäßig, der Wald zieht vorbei, und plötzlich schweifen Gedanken dahin, wo sie vorher keinen Platz hatten. Zum Beispiel: Was mache ich eigentlich in ein paar Wochen, wenn die Haare zu lang werden? Wie ein Punk rumrennen? Oder doch lieber Fleischmütze? 😀 Problem: Das zieht wahrscheinlich die Mücken an, die dann wieder mit diesem typischen „iiiiiiiii“-Geräusch um den Kopf kreisen, als wären sie persönlich beleidigt, dass ich in meinen Stiefeln nicht stillhalte. Mal sehen, was das Abenteuer daraus macht.

Fotos gibt’s heute nicht so viele – viel Wald, und irgendwann sieht jedes Bild aus wie das davor, nur mit einem anderen Winkel. 😀 Aber der Tag war trotzdem rund: sonnig, ruhig, leichtfüßig – und genau richtig, um im Rhythmus anzukommen.Jetzt: Abendbrot, Ruhe, und dann schlafen. Morgen wartet die nächste Etappe – und ich bin längst wieder „on fire“.. Das Wetter leider auch!