Am 01.06.2026 ist es so weit: Ich schnüre in Wien die Schuhe, ziehe den Rucksack fest und gehe los – Schritt für Schritt Richtung Nizza, einmal quer über die Alpen. Allein dieser Satz fühlt sich für mich schon unwirklich an. Weil diese Fernwanderung nicht einfach eine spontane Idee ist, sondern ein Plan, der mich seit vier Jahren begleitet. Vier Jahre voller Skizzen im Kopf, Notizen in Dateien, markierter Karten, Videos, Erfahrungsberichte – und immer wieder dieses leise, hartnäckige Gefühl: Eines Tages mache ich das wirklich.
Vier Jahre Vorfreude – und Respekt
Als der Gedanke damals zum ersten Mal auftauchte, war er eher ein Tagtraum. Schön, aber weit weg. Doch mit der Zeit hat er sich festgesetzt. Nicht als Druck, sondern als Richtung. Es gab Phasen, da habe ich wochenlang nichts daran gemacht – und dann wieder Abende, an denen ich mich komplett verloren habe in Routenvarianten, Höhenprofilen und Bildern von Pässen, die ich bis dahin nur vom Namen kannte.
Und je konkreter es wurde, desto mehr kam auch der Respekt. Denn die Alpen sind nicht nur Kulisse, sie sind Entscheidung: Wetter, Kondition, Orientierung, Sicherheit. Genau deswegen war die Planung für mich nie „nur Organisation“, sondern Teil des Abenteuers. Vielleicht sogar der erste Abschnitt der Reise.
Streckenplanung: Abschnitt für Abschnitt, nicht als Riesenkloß
Ich habe relativ schnell gemerkt: Wenn ich mir die Strecke als Ganzes vorstelle, wirkt sie wie ein Berg, bevor ich überhaupt in den Bergen bin. Also habe ich angefangen, sie zu zerlegen. In Etappen, in Regionen, in machbare Portionen.
Ich habe mich in einzelne Streckenabschnitte eingelesen:
- Wo sind sinnvolle Tagesziele?
- Welche Übergänge sind realistisch, welche nur romantische Kartenlinien?
- Wo gibt es Hütten, kleine Orte, Versorgungsmöglichkeiten?
- Welche Passagen gelten als besonders ausgesetzt oder wetteranfällig?
Ich habe mir Alternativen zurechtgelegt – nicht als „Plan B“, sondern als Zeichen von Ruhe: Wenn die Berge „Nein“ sagen, dann ist Umplanen kein Scheitern, sondern Teil der Verantwortung. Besonders bei einer Route über die Alpen ist Flexibilität nicht nur praktisch, sondern überlebensklug.
Und bei jeder Recherche – egal ob Kartenmaterial, Tourenberichte oder simple Erfahrungsnotizen – ist mir klar geworden: Das wird nicht nur anstrengend. Das wird groß. Genau deshalb will ich es.
Ausrüstung: Zwischen Minimalismus und Sicherheit
Einer der intensivsten Teile der Vorbereitung ist die Ausrüstungsauswahl. Ich liebe den Gedanken, leicht zu gehen – aber ich weiß auch: Leicht ist nicht gleich leichtsinnig. Über vier Jahre hinweg hat sich meine Packliste immer wieder verändert. Ich habe gestrichen, ersetzt, getestet, neu gedacht.
Es sind oft die kleinen Dinge, die über gute oder miserable Tage entscheiden:
- Sitzt der Rucksack wirklich auch nach acht Stunden noch gut?
- Halten die Schuhe nicht nur „im Laden“, sondern in nassem Geröll und auf endlosen Abstiegen?
- Ist die Regenjacke nur „wasserabweisend“ – oder alpenerprobt?
- Wie warm ist „warm genug“, wenn es abends in der Höhe plötzlich kippt?
Ich habe gelernt, dass Ausrüstung nicht nur Zeug ist – sie ist Vertrauen. Vertrauen darin, dass ich mich auf das verlassen kann, was ich dabei habe. Und gleichzeitig die bewusste Entscheidung, dass ich nicht alles kontrollieren kann. Nicht das Wetter, nicht die Tagesform, nicht die Überraschungen. Aber ich kann mich gut vorbereiten.
Training: Nicht nur Beine, auch Kopf
Natürlich gehört auch körperliche Vorbereitung dazu. Mehr Ausdauer, mehr Stabilität, mehr Kilometer. Aber mindestens genauso wichtig ist für mich das Mentale. Lange Strecken sind nicht nur ein Test der Beine, sondern des Willens, der Geduld, der Fähigkeit, auch an grauen Tagen weiterzugehen.
Ich stelle mir vor, wie es sein wird, wenn es regnet und die Aussicht verschwindet, wenn die Route zäh wird, wenn ein Pass länger dauert als gedacht. Und ich stelle mir genauso vor, wie es sein wird, wenn ich oben stehe, weit sehen kann, tief durchatme und weiß: Ich bin mitten drin. Ich mache das wirklich.
Ein Lebenstraum, der endlich Raum bekommt
Man sagt so leicht „Lebenstraum“. Bei mir fühlt es sich tatsächlich so an – weil dieser Weg nicht nur geografisch von Wien nach Nizza führt, sondern innerlich von „irgendwann“ zu „jetzt“. Vier Jahre Planung sind nicht einfach Wartezeit gewesen. Sie waren ein langsames Hinwachsen. Ein Sammeln von Mut. Ein Beweis, dass manche Wünsche nicht leiser werden, wenn man sie ignoriert – sondern klarer, wenn man ihnen zuhört.
Am 01.06.2026 beginnt nicht nur eine Wanderung. Da beginnt etwas, das ich mir selbst versprochen habe: meine Zeit ernst zu nehmen. Meine Träume nicht als Dekoration zu behandeln, sondern als Richtung.
Und irgendwann – vielleicht nach vielen Pässen, vielen frühen Morgen, vielen schmerzenden Schritten und noch mehr staunenden Momenten – stehe ich in Nizza. Wahrscheinlich müde. Wahrscheinlich überwältigt. Und sehr wahrscheinlich mit dem Gefühl, das man nicht planen kann: dass ein großer Traum nicht in einem einzigen Augenblick wahr wird, sondern in tausenden kleinen Schritten.
Und genau die will ich gehen.